little boxes – ein märchen

8 August, 2016 (15:09) | | tage-bau | 3 Kommentare

CIMG9723

(kunstinstallation, gesehen vor jahren im Wendland – leider weiss ich künstlerin/künstler nicht mehr)

für jedes problem die richtige schublade haben – das ist fein. das ist einfach: der gehört hier hinein, jene dort hinein. diese macke da. dieser horizont lässt sich noch viel enger falten, passt sogar in eine schmuckschatullenschublade. das alles stapelt sich und stapelt sich überaufunduntereinander, womöglich auch hintereinander weg? inwendig summt und brummt es, schnauft und braust und stöhnt und brüllt. schon schauen sie tückisch, die schubladenaugen. es riecht nach rebellion. seit jahren gestapelte ur- und vorurteile kommen vielleicht ins rutschen? die balance passt nicht mehr? das schubladengetüm gerät ins wanken, stürzt zusammen und alles ergießt sich ineinander. ja was machen wir da? was machen wir nun? wo nehmen wir unsere meinung her? alle schubladen leer? alles boshafte gewisper und gedröhn ins freie gelassen, rauscht vielleicht wie A. Paul Webers „Gerücht“ überall umher und richtet schaden an. aber vielleicht machen wir auch einen sturm, einen richtigen sturm, der bläst alles fort, fort über alle berge, hinweg über die sieben zwerge. bläst die letzte bosheit hinaus aus dem lügen- und müllgewebe. wir pusten so kräftig, wie wir können, los! und was machen wir mit dem schubladenberg? wir lassen es krachen fangen von vorn an. wir bauen ganz was neues. aber was? einen turm! nein – das ging schon mal schief. was dann? kleine brücken? bilderrahmen? leitern? pass auf – ich werf dir schon mal ein brett zu (bitte nicht vorm kopf anschrauben). nun los! irgendwas wird uns schon einfallen…

Flüchtige weg strecken

2 August, 2016 (20:01) | | ego.t/error.welt, terra/adern/fluss.linien, terrere est humanum?, zugvögel/wind.bahnen | Kommentieren

Fort gegangene fort folgen –
belagerte belegt des brot ich ess
mit auf schnitt vom ab
geschnitten hals stück in scheibchen
weise

Red keinen käse wenn du keine
wurst hast spreng falle & fresse
dich durch um sie auch nur zu
halten

Putsch dir dein auf putsch
mittel & werfe nebel kerzen
auf wasser werfer in truppen
stärke dich mit kindes kindern
wirf dich

Weg wo ein wille mit isst bleibt
die küche kalt & der brei verdirbt
den charakter weil drei
köche um ihn veits
tanzen

Sei eine folge verfolgter &
gehe über die wasser so ist
das mittel meer: du zaun
könig im maschen draht –
stacheln auf die neueste
masche

Ist gefallen & am leichen
tuch wird mit heißer nadel
genäht – lass dich aus booten
& lenze kähne mit loch
sieben

Wandle & verwandle dich
Folge dir nach & trete in
zu große schuhe um sieben
meilen zu stiefeln – folgen
los ohne ende & bei fang
im netz

das unbehauste kind

2 August, 2016 (08:02) | | alptraum/ego.wunde, ego.t/error.welt, rausch (zustände) | 1 Kommentar

es war einmal ein kind,
das hatte so viel haus,
dass es unbehaust war.
es schritt durch die räume,
die wohl erträumt waren,
sah aber nur die leere,
nicht deren eingerichtetheit.

es war einmal ein kind,
das eben dort erwachsen wurde,
aber doch blieb dieses
unbehauste kind. nachts
lag es wach und schlief
am wirren tag der häuser, die
unterm dach, aber unbedacht waren.

das unbehauste kind - skizze

es war einmal ein kind,
das keine märchen kannte.
nur dieses, das man ihm erzählet hatte:
es war das märchen von dem kind,
das keine märchen kannte,
sondern solche schrieb,
wie man sie ihm erzählet hatte.

es war einmal ein kind,
das danach müde wurde
am tag und folgend in der nacht
des lebens wie des sterbens.
und so starb es nicht
und lebte gleichwohl nicht,
sondern starb, indem es lebte.

ögyr liest’s

Aber doch – doch aber

9 Februar, 2016 (17:47) | | tage-bau | Kommentieren

Auch wenn es immer „aber“ gab –
Es gab doch auch ein „doch“:
Du brichst den Kragen und den Stab.
Du brichst dir auch die Zunge ab.
Und fällst tief in ein Loch.

Was nützt der ganze Widerstand?
Die Bomben fallen doch.
Der Mensch hat alles in der Hand,
Gebräuchte er nur den Verstand.
Die Erde wird zum Loch.

An Grenzen stehn sie fest gebannt.
Granaten treffen doch.
Aus Höllenfeuern weggerannt
In eine Zukunft unbekannt
Erwartet sie ein Loch.

Es gibt viel „Aber“ und Gelaber:
Die Schwachen sterben doch.
In Moskau brennen Kandelaber
Und in Aleppo ein Araber,
Im Kopf ein großes Loch.

es gibt keine richtigen lyrix im falschen leben

23 Januar, 2016 (04:54) | | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

außer: „say goodbye to lethargy, save the world with this melody“ (bernadette la hengst)

so will ich singen, falschen vers euch dichten,
aus resten meines sangs sonett noch machen
und seiner strenge dennoch ganz verzichten,
beim dichten all dem schichten uns eins lachen.

werd’ sagen, auserzählt, euch von den versen,
von schwierigkeit, aus mir heraus zu schweigen.
ich könnte euch ja eh nichts mehr verbergen,
vielleicht, wohin sich mein gedicht würd’ weisen

und euch dahinter, traute meines lichts.
das linkt und reimt schon wieder auf „des wichts“,
gekommen wörterwelten auf den grund,

der macht sonettes reimen jetzt gesund,
und krank auch, was ich nahe des verzichts
noch bin in mitten meinem des gedichts.

ögyr liest’s

an die verständigen

9 Januar, 2016 (06:40) | | beautiful people | Kommentieren

genossen, dass ihr’s wisst, ich rufe nicht
um hilfe und kassib’re kaum die silben.
was steht auch zwischen zeilen im bericht,
ist nur die maßnahm’ gegen das vergilben.

ist ein verzeichnis, wenn man will, vermächtnis,
wüsst’ ich, wovon, woher, ich wäre schlauer
und würde dichten nicht im ton des heftigst,
doch hätte leis’re töne auf der lauer:

dass unverständnis sei schon angelegt
und – wie ich’s gerne nenne – „anverzicht“
wär’, was dich, les- und leserin, bewegt.

denn wisset, wenn ich ruf’ um eure hilfe,
dann reimt’s sich in demselbigen gedicht
wie hier auf hilfe, die der dichten schilfe.

ögyr liest’s

Erfolgsgutschein

2 Januar, 2016 (17:45) | | netz@uge.nblick | Kommentieren

„Hier, ‚Erfolgsgutschein‘!“ – „Gegen wen’e?“

Weihnachten 2015 oder Sonett Falsche Mimosen

25 Dezember, 2015 (10:02) | | ego.t/error.welt, labyrinth/wort.gewebt., netz@uge.nblick | 2 Kommentare

Der Weihnachtsrummel ist vorüber und
Der letzte Schrei Geschenke in Paketen.
Wir denken an Sylvester und Raketen;
Doch drinnen sind die Herzen klein und wund.

Denn in der Welt verrufen Exegeten,
Was gut ist: Blankes Hassen schäumt ihr Mund.
Der Heiland kommt nicht mehr zur Hohen Stund:
Ihn jagen üble Herrscher von Proleten.

Wir stehen an der Klippe vor dem Tosen
Und halten uns ganz fest an klammen Händen.
Im Garten blühen weiß die Christusrosen.

Wir fragen uns, wohin sich Zeiten wenden,
Und wissen, dass das Goldgelb der Mimosen
Die Hoffnung gibt, dass alle Winter enden.

xChorals

25 Dezember, 2015 (04:53) | | rausch (zustände) | Kommentieren

„Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen, lass dir die matten Gesänge gefallen, wenn dich dein Zion mit Psalmen erhöht“ (Bach/Picander, Weihnachtsoratorium)

1 das jahr

und war es auch, das jahr zu seinem ende | nicht das beste | so sind zu solchem feste | noch nährend all die reste | was uns erbleibend bände | geretteten der seelen

2 das sinken

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wer sank, sinkt noch und sänke | steht in dieser nacht doch wieder auf | denn siehe, sieht das licht | und schaut zu himmeln ’nauf | wo menschen leuchtet liebe | denn lieb’ ist | manna unsr’rer herzen | das den mensch erhält und nährt

3 das leben

und so geh’ ich aus | dem alten in das neue leben | halt’ mich tapfer | im wind der rauen nächte | fach’ ihn an und wand’re stetig | zu der strohig krippen

4 der widerstand

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darin mein widerstand | heißt noch und jesu zugewandt | glaub’ und lieb’ und hoffnung | denn also hat mein gott geliebet mich mit einverstand | hat herze mein geborgen | wie du mich einst in deiner liebe | und wenn wer greint, dass ich mich bloß ergebe | entgegne ich, dass mich | freundlichkeit und zugewandt nimmer mehr wird lassen

5 die speise

die speise liegt uns vor | und schmecket uns’ren zungen | lippen sind des lobes voll | denn eingeladen sind wir | davon zu uns unseres zu nehmen | vom trank nicht minder, unsrig’ zu beseelen | am tisch gemeinsam

6 der tisch

der tisch ist uns so reich gedeckt | das heil uns hier – und | wir denken dran | dass es auch and’ren mög’ gegeben sein | die wen’ger haben | und mit uns’ren selbiges des leids

7 nachts, im bus

ich fahre heim und sehne | wo kein heim wär’ auf der ew’gen fahrt | da: der mann, verhärmt | doch hebt den finger von der rückbank | spricht und predigt | stumm noch seine hilferufe | ich hör’ sie gleichwohl wie der herr

8 das licht

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es scheint als fast schon vollmond | dieser nacht uns in das herz hinein | so löst es meine fesseln | auch der dichtend form | senkt hoffnung in mein so konform | und weht mir in der regnend nacht | die tränen ins gesicht | als meine, unser aller dieser nächt’gen freude

ögyr liest’s

von der diaspora

22 Dezember, 2015 (03:33) | | herz & lenden | Kommentieren

„arm bist du nicht ohne geld, arm bist du ohne herz.“ (syrischer flüchtling)

wir alle woll’n jetzt endlich bess’res leben,
das süß’re stück vom fetten sahnekuchen.
doch dafür ist kein nehmen, sondern geben,
ein finden uns nur in dem uns jetzt suchen.

so ist mein herz ein großes, kleinem geist
und eifersüchten manchmal nur gegeben.
denn wie auch immer ihr mich nennet, leist’
ich widerstand auch solchem untergehen.

ich bin nicht arm durch den verlust, doch reicher,
weil mein herz schlägt für dich und immer euch,
es pocht gemeinsam an der pforte. leichter

wird’s mir, wenn ich gewusst, dass der verzicht
auf heimat, bergung tränen macht mir feucht
und meine zunge auch für dies’ gedicht.

(@ j&m)

die dienste des dienstags

2 Dezember, 2015 (04:02) | | netz@uge.nblick | Kommentieren

… sind aus denen des „i don’t like mondays“ gewonnen | vorausschauend auf die mittwöchnerinnen der | tage des donners | bevor wir frei werden im gebet des | freien tages, schabbat schalom.

denn des dienstags straßen | durch die ich nachts geistere | sind leere kurz vor der mitternacht | am mittwoch ist markt auf den plätzen | voran, die fische frisch liegend auf kälterem eis.

und ich leiste den dienst an meinem | innstetteneinsamen | mache mich auf | den ingrimm zu stolz noch zu mimen,

meine maske : digital.

… sinken aus denen der mönchischen nächte | wo ich, selbige teilend in stunden | minuten nach sekunden | verharre, um zu scharren | mit den füßen im sand und getriebe | öl nicht in mein feuer gießend, doch quarz | ihn zu zerreiben.

denn des dienstes nächte | krankenschwestern, übermüdete feuerwehren | caste ich zu henneckes der nachtarbeit | singe das loblied selbst schlecht bezahlter arbeit | wissend um deren kreuze.

die sie an falscher stelle machen | nachwievorhut ihrer wie meiner selbstausbeutung | produzentinnen des eigenen unglücks | strebend nach glück,

das einst fällt ihnen | ein – und also vor die füße.

ögyr liest’s

montagsgespenster

2 Dezember, 2015 (03:53) | | netz@uge.nblick | Kommentieren

„Es machen mir meine Gespenster / Sogar einen Tagesbesuch“ (Heinrich Heine: „Buch der Lieder“, 1827)

es wird nicht mehr hell | ich möchte ein licht anzünden im not for me der himmel | heute, mit schlämmkreide die wände der hölle weißen | nachahmend den cumshot der mutterbrust einst | in meinem rosigen, schielenden gesicht.

oder mit kohlestiften den teufel malen an die wand | skizze eines verlorenen einsamkiters | die feder zum schreiben aus seinen flügeln brechen | denen eines engels.

denn in meiner stadt … | ragen, das dämmern zu fassen, kräne | gerippend in das grau | auch dieses am besten | – oder gerade nicht – | zu vergessenden zweiten tages nach dem schabbat.

gespenster, sagt man, seien manifestationen des | unbewussten | denn von ihnen geweckt, schläft die | vernunft | am tage träumend durch die | nacht.

werd‘ ich mein schweigen darob verlängern | bis es nur noch zwei verse währt?

oder auf nur ein | …wort… | ?

es wird nie mehr dunkel | an solchen montagen, an denen ich | eine dunkelheit lösche | aufs papier | meinen getreuen, weißen, unschuldig, jungmännlichen | gast, der schaut aus den monadenfenstern | meines augenhöhlengleichnisses in mich.

oder mit den kohlen von bogenlampen | tausendere grade celsius heißer als meine | netzdünnhäutigkeit | die nacht erzwingen und den schlaf | der heilig ist den gerechten.

denn in meiner stadt … | singen die schiffe ihre choräle | von abschied und willkommen | tuten die toten matrosen | während ich an ihrer kerze eine zigarette | für sie zündschnüre.

die toten aber, sagt man | ruhen nicht, sie seien vielmehr | tot | offenes grab | kalkgrube | kühltruhe | abtauende wie die gletscher des gedichts.

montags also brech‘ ich mein schweige- | gelübde | schreie auf und an gegen | das und im gedicht.

auf ein wort also | … du, mein montag… | – -?!

ögyr liest’s

sturz in große höhe

17 November, 2015 (03:23) | | zahlenfolge.n@tur.net | Kommentieren

ich stürzte zu dir im mir dir verfallen,
im traume war’n verwechselt k’ordinaten.
aus großer höhe sandt’ ich dir mein schallen
und war dir angetastet in den daten.

ich schrie und schrieb und schrei in dem verhallen
von höhlen, denen ich mein fallen fälle
und niedrigkeit, wo ich verberge stallen
mein schäfchensein in anverwandter zelle.

aus großer höhe kam ich zu dir, wallend
ins niedrige der eingezählten zahlen.
ich bin dein größt und möglichst dir gefallend,

ein oder nichts, ein nerv und wiederholer.
aus meiner mitten nicht war’n all die wahlen,
die brannten aus das laub der mich verkohler.

ögyr liest’s

(für julija)

tucson, arizona

20 Oktober, 2015 (01:43) | | herz & lenden | Kommentieren

meine liebe fährt auf mein’m zylinder
fern von mir, die kilometer reißt
sie ab und ist mir meiner wiederfinder.
wir sind, die liebe einverstanden heißt,

ein sommerreifen, abgenutzt, im winter
ausgetauscht in bald für alle wetter.
wir wissen, wo ist das zuvor dahinter,
welch’ gold am hals ist uns der uns verketter.

mit gas fährt uns’res jeepes hingefährt,
als sei symbol das für die hingefahr’nen.
uns ist die weite ferne, was entbehrt

die nähe, wenn sie dem verzückt gebahren
ein wegwärts ist, auch hier noch angekommen,
wo küsse beider sind so uns verronnen.

ögyr liest’s

„dann ist dies nicht mein land“

8 Oktober, 2015 (06:44) | | hyper pixels | Kommentieren

(zum 66. „tag der republik“)

es war ja immer meines: gegenüber,
mein land, das fünfundzwanzig so vergangen.
ich war ihm dichtend hin und her hinüber,
ich drückte mich an seine zweifelnd wangen.

jetzt singt die kanzlerin das lobeslied
und gegen tod im mittelmeer dem flüchtling,
halbherzig nur, denn sie parteien blieb
die raute, schütt’re des geräuchert bückling.

sie selber aus dem pastorat geflohen,
wusst’ nicht, wo ist ein hier das mit uns wohnen,
war lang nur eines einheitskanzlers mädchen.

sie kreist in talkshows eiernd um probleme
und sucht verwischt geringeres der schädchen,
wo war sie flüchtig einst, nun die bequeme.

ögyr liest’s

6 Oktober, 2015 (13:18) | | tage-bau | Kommentieren

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

das kriechtier

nah ists mir

es schleicht wie ich

nur ihm ihm

macht

das

nichts

schokozigaretten 1970

6 Oktober, 2015 (00:56) | | beautiful people, netz@uge.nblick | 1 Kommentar

wir aßen schlanke schokozigaretten
und schliefen ruhig und träumten sanft vom tage
des nachts in noch behüteten der betten,
denn alles schien uns damals in der waage.

mein erster schultag: jetzt begann der ernst
des lebens, kindern eh’dem kaum verständlich.
denn er beginnt, erst wenn du dich entfernst,
bewohnst die kalte stadt, bist nicht mehr ländlich.

wie fremd sind mir mein ich und die familie
nach fünfundvierzig jahren, halbes leben
später, dreifach fetter mit mir rauchend …

und es rührt mich, diese kinder schauend
an, aus denen sich die zeiten weben:
ist denn das leben nur ein rauchgebilde?

(für meine cousins (sven & jochen) und cousinen (kiki & brita))

ögyr liest’s

4 Oktober, 2015 (09:05) | | tage-bau | Kommentieren

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

die großstadt malt gemälde. ein zigarettenautomat, längst seiner funktion enthoben, wird gefüllt mit abfall, der abfällt, wenn man ist, isst, trinkt, einkauft, prospekte liest und wegwirft, sich schneuzt. andere befüllen nicht, sie beschriften und bekritzeln und bekleben. wüsste man nicht, dass alles müll ist, kniffe man die augen ein wenig zu schlitzen, könnte man denken, man stünde vor einem gemälde des informel. träte man dicht hinzu, fasse an und betaste (was man nicht tut, weils nicht gut riecht), ertönte keine schrille klingel, keine sirene, kein geheul, die das museumspersonal auf vorwitzige oder klaubereite besucher hinweist. ganz unbeachtet hängt es da, das gemälde, das objekt. es lässt sich ruhig betrachten, selbstgewiss, selbstverständlich. und morgen sieht es wahrscheinlich schon ganz anders aus, dieses „work in progress“…

flurlicht

15 September, 2015 (03:38) | | blut.bahnen/rauschen, labyrinth/wort.gewebt. | Kommentieren

wir werden gehen, sagt man, durch den flur,
den langen, doch am ende sei das licht.
im dunkel, sanft beleuchtet, steht wie schwur
der ruhestuhl modell dem versgedicht.

das leben, ja, beginnet … und es endet
in beigen fluren von den krankenhäusern.
wie man’s auch dreht und kreisend wieder wendet:
wir komm’n und gehen dort … hilft kein beteuern.

flurlicht_web

doch dass das licht am end’ des flurs der nacht
nicht glimmt nur, sondern scheint, ja schreit so hell,
lässt letzten acker wie die saat einst leuchten.

wir gehen langsam und doch, ach, zu schnell
und blieben gern noch, wo wir hin uns scheuchten
vom licht am end’ zurück in anfangs schacht.

(für gf & jf)

ögyr liest’s

kommt!

5 September, 2015 (02:50) | | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

woher auch immer ihr gekommen seid,
von meiner schreibtischtäterschaft begrüß’
ich euch. denn hier auch ist ein mittenleid,
ein wohl gebettetes, das sagt sich tschüß

all der zufriedenheit, die wohl kartoffeln
noch wachsen lässt in deutschem blut und boden.
bevor ich demlei bin und eingewoben,
schlüpf’ ich in meine warmen filzpantoffeln.

denn ich bin auch nicht besser als die hasser,
weil ich ja auch nichts tu’, nur tränen weine
in meine dichtung, die nicht hält die wasser,

in denen ihr ertrinkt. doch geb’ ich meine
bereite kunst euch preis, dass ihr euch kauft
davon vielleicht von meiner tür den knauf.

ögyr liest’s

Ansprache eines wenig Noblen an die noble Verflossene

19 August, 2015 (09:59) | | beautiful people, herz & lenden, lug & trug | 2 Kommentare

Schau zu, wie du die nächste Herrschaft adelst:
Bei mir ist blaues Blut nicht mehr gefragt.
Das Negligé liegt löchrig rum, zernagt:
Selbst meine Hausmaus, die du immer tadelst,

Hat seinen Schnitt nicht mehr goutiert. Du rödelst
Wie wild geworden durch das Plüschgepränge
Des Nachsalons. Ach, wenn Dein Schimpfen klänge:
Es stört nur. Du störst. Kurz: Du episödelst.

Von gestern bist du, ausgelatscht und -lutscht:
Dein Rouge ist eine schwarz gestreifte Pampe,
Die Wimpern sind dir vom Geplärr verrutscht:

Mensch, zieh dich an, das Kleid hängt auf der Lampe.
Du glaubst, du hast dich an die Macht geputscht –
Ganz falsch: Du kommst jetzt auf die Resterampe.

anfangende

19 August, 2015 (03:30) | | lug & trug | Kommentieren

„… sicut erat in principio et nunc et semper …“

vom anbeginn das end’ vor uns’ren augen
dreh’n wir an allen der verschrägten schrauben
seit menschs – so uns – gedenken links herum:
von anbeginn der plumpe sack geht um.

in solchem suchen wir – äh, noch – das loch,
durch das in ewigkeit wir könnten schlüpfen.
oh, hilf’ mir suchen, wo, ach, ist es noch?
und welches von pandosen müsst’ uns lüpfen?

wir öffnen’s nicht, denn in dem anbeginn
macht’s ende stets verspätet’ andr’en sinn …
und unsinn auch, wenn es sich fragt: wer bin

ich unter eu’ren, die ihr mir beginnet?
und wessen end’ als anfang wär’ gewinn
dem, der an seinem anfang schon verschwindet?

[wohl mein bisher theologischstes sonett, wenn auch von der protestantisch-propper-norddeutschen kanzel gezetert – oder auch am ast, auf den ich dichte, sägend: also naturgedicht.]

ögyr liest’s

gewirrer gewoben

17 August, 2015 (03:14) | | herz & lenden | Kommentieren

wir gingen und wir gehen ins gewitter,
die wirren, die sich lieben, angehinkt
so süß, so salzig, sauer, doch nicht bitter
durch alle netze unbedingt verlinkt.

in ihnen sind wir beide die geschwister,
verfilzte uns’rer rot gewob’nen fäden,
die singen wie die saiten einer zither,
welch’ sich durch uns’re instrumente weben.

wir singen nicht nur, sind das selbe lied:
die pauk’ spielst du und ich im traum trompete.
jetzt wetterleuchten wir, weil nichts uns schied,

denn himmel sind seit je von uns erschwebte,
und zwischen ihnen ist der horizont
so silbrig, grenzenlos – von uns besonnt.

(für julija)

video.poem

amselmann.naturgedicht

16 August, 2015 (21:38) | | netz@uge.nblick | Kommentieren

du stolzer amselmann an meinem fenster,
fliegst kurz herein und setzt dich auf den stuhl
des dichters, der noch nestelt die gespenster
und ist dein sand in seiner uhr, die uhl,

die schaut in tiefer nacht nach vögelbeute,
mit großem aug’ und noch mehr lauschend’ ohr,
nach unterschied vom gestern zu dem heute,
nachdem das morgen war schon längst davor.

der amselmann fliegt künftig dir voran.
ich folge nach auf ikarussins flügel,
ein solcher sturzflug hat mich angst und bang

gemacht, dass ich auch deine flügel kürzel,
mach’ stadt, land, fluss daraus zum venushügel
und putze eifrig mir wie er das bürzel.

(für julija)

ögyr liest’s

vom zweifel der mich plagt

22 Juli, 2015 (10:58) | | ego.t/error.welt, haut.falten/masken.wahn | Kommentieren

Du gingst durch eine wolke
& wurdest dort zu rauch
du warst aus fremdem volke
& farbig warst du auch

Es glänzten helle sterne
belächelten den flug
in irgend eine ferne
der nähe war genug

Ich hatte traute stunden
mit dir & dich im arm
wir ließen uns uns munden
selbst winter wurden warm

doch du – du musstest reisen
in krieg & sieg & tod
die fenster die vereisen
vernebelten die not

Du würdest wieder kommen
so hattest du gesagt
ich schwieg in angst benommen
vom zweifel der mich plagt

zuckerfee(d)

18 Juli, 2015 (08:38) | | herz & lenden | Kommentieren

zum zuckerfest so süß getanzt
bist du, und ich dir eifernd nach.
der zucker, wie in vers gestanzt,
wird nach(t)getanzt schon in den schlaf.

wir brechen auf das fasten, schlachten
heut nacht’ ein jedes süßgetränk.
denn wohin wir uns reisten, brachten,
ist anvertrauen das geschenk.

wir feiern mit dem in uns fremden
und zücken, zücht’gen uns mit zucker.
mit uns ist tanz und sich verwenden,
die kenn’n musil und mooses brugger.

die mörder, hieß es, unter uns
sind auch das uns im tanz erkennen.
als kennten wir nicht solchen schwund,
baletten deren sich bekennen.

ich bin so zucker meiner zunge
an deiner katz’, die muschi nennt
nur das ballet auch meiner lunge,
ein atem, der den zucker kennt.

video.poem

Ein fach so

4 Juli, 2015 (21:45) | | alptraum/ego.wunde, terra/adern/fluss.linien | Kommentieren

Der tod hat seine sense geschärft:
ein fröhliches mähen bei fast 40
grad & 95 prozent luft feuchte

Die tages zeitung als sterbe tafel:
man fühlt sich schlecht weil man
am leben bleibt atmet & schwitzt

Ein fach so als sei das selbst verständlich

Ich schlage ein kreuz weil ichs mit
kreuz habe spende einer kerze schein
obgleich voll inhaltlich protestant

Vorsichts halber google ich nach
holz särgen fried wäldern urnen &
lokalen mit geeigneten neben räumen

Ein fach so als sei das nicht verständlich

Wenn einer stirbt

die ballade von der haltbaren backpflaume

1 Juli, 2015 (06:08) | | rausch (zustände) | Kommentieren

eine backpflaume bekümmerte sich,
daß sie so schrumplig sei.
sie sprach: sehet, das bin ich,
die backpflaume eklig – tanderadei.

und es feixten die frischen pflaumen,
die prallen und frühherbstgefärbten.
hämisch war jener pflaumen raunen
und schäbig die blicke der sonnengegerbten.

da kam ein mehlweißer bäcker vorbei.
der pflückte die reifen pflaumen
und machte kuchen daraus für gierige gaumen,
schnitt eine jede entzwei – tanderadei.

die prallen pflaumen wurden gefressen.
die backpflaume hingegen
wurde nicht gebacken, sondern vergessen
und blieb, schrumplig zwar, aber am leben.

die backpflaume schrumpelte weiter,
sogar ihr kern begann zu ergrauen.
da sagte sie sich: wenn ich auch scheiter,
so bleib ich doch unter den pflaumen.

und sie blieb und faltig und haltbar
und war guter dinge dabei.
und weil’s noch lang nicht so weit war,
schrumpelte sie, als sei’s einerlei – tanderadei.

(ögyr liest’s aus der backfischpflaume)

Freitags gehe ich zu ihr IV

24 Juni, 2015 (20:49) | | tage-bau | 1 Kommentar

Ihr Lieben, vor einigen Jahren habe ich hier die ersten drei Teile zum Text ‚Freitags gehe ich zu ihr‘ eingestellt. Nun sind aus aktuellem Anlass wieder ein paar Folgetexte entstanden. Hier die Nr. IV. Noch nicht ganz im Feinschliff. Aber ich wollte mich ja tagebuchmäßig mit dem beteiligen, womit ich mich zurzeit beschäftigt…was mir so durch den Kopf geht – und mit euch wieder zusammen arbeiten…(Es kommen ansonsten ganz verschiedene Themen …).

IV

April 2015, Jahre später. Dienstag.
Frau T. telefoniert mich an, erkundigt sich nach Frau I., vermutet, dass ich noch immer Kontakt habe. Mein Kontakt ist, antworte ich, in den vergangenen Jahren zusammengeschrumpft. Das letzte Mal habe ich die alte Dame vor anderthalb Jahren angeschaut. In der Zwischenzeit umrahmten uns selbst viele Sterbende. Der enge Familienkreis, Pflege über Jahre, Organisationsbedarf, Wohnungsauflösung… und das gleiche steht uns bei meiner Mutter bevor. Immerhin ist sie gerade 93 geworden und hatte im vergangenen Dezember Wasser in der Lunge.
Ab und zu, sage ich, rufe ich die hilfsbereite Nachbarin an und frage, ob Frau I. noch lebt. Da sie keine Kinder hat, wer wird mich verständigen? Das dauert gewöhnlich, da die Nachbarin gerne verreist oder tagsüber liebt, in eine anmutige Gegend radeln. Nur zuhause, das ist sie selten. Dann aber versorgt sie, und das seit mindestens 10 Jahren, die Wäsche von Frau I., mit der sie nicht einmal verwandt ist – so wie sie früher für sie eingekauft hat, Woche für Woche. Es gibt also doch diese irdisch gewordenen Engel. Wenn ich Frau oder Herrn Nachbar endlich erreicht habe, um nicht unvorhergesehen hineinzuplatzen, mache ich mich auf, nehme wie gewohnt den Türschlüssel aus dem Korb mit den unechten, verblassten Hortensien und trete ein. Wenn sie es noch sehen könnte, die liebe Frau I., es würde ihr weh tun. Sie hat den echten Blumenduft so geliebt. Der Schlüssel wartet seit etwa 10 Jahren im Korb. Wann es erstmals war, ich hab‘ es vergessen.
Das alles erzähle ich folgerichtig Frau T. und erinnere, wie ratlos ich vor anderthalb Jahren fortgeblieben bin, als ich versucht hatte, Frau I. wieder vorzulesen. Kurze Texte und Loewe-Balladen, die sie in Jugendtagen mochte, und dass sie aus ihrem unklaren Dämmern nicht mehr aufwachte. Ein andermal hatte mich eine Frau vom Pflegedienst ungehalten vertrieben, und ich war umsonst über die Autobahn angereist: „Jetzt können Sie nicht…“
Wecken aus wohltuendem Schlaf, der langsames Sterben über Jahre abkürzen kann, möchte ich nicht. Das überlasse ich den Pflegern. All‘ diese Unwägbarkeiten, die Frage der Glücksache, mein häusliches Alltagsleben, dazu eine gewisse Bequemlichkeit führten dazu, dass ich mich immer schwerer entschließen konnte, meine Besuche wieder aufzunehmen.
Im vergangenen Jahr war ich nicht einmal an ihrem Geburtstag erschienen.
Früher hatten wir noch zu mehreren, sich nun selbst einladenden Gästen, am Bett der Kranken mit ihr Sekt getrunken, und einmal hatte ich ein ganzes Blech Apfelkuchen gebacken für die vielen Menschen, die gar nicht mehr kamen. Hier am Bett blieb die Zeit stehen, für das Irdische wie das Überirdische, nirgendwo gehörte Frau I. mehr so ganz hin.
Doch war sie mir in den Vergangenheits-Jahren immer drängender in den Sinn gekommen, erst recht die Frage, ob sie noch lebt. Mindestens fünf Mal hatte ich die Traueranzeigen der Lokalzeitung, auch das Internet nach einem klaren Abschied durchsucht, unsicher, ob bei einer mittlerweile von den meisten vergessenen alten Lady eine Annonce noch erscheinen würde.
„Ich kann auch nicht kommen“, sagt Frau T., „…leide ja an der gleichen Augenkrankheit wie Frau I., Makula-Probleme… mein Kopf denkt noch gut, aber ich kann meinen kranken Mann nicht allein lassen…“ Nun aber, erinnert Frau T., wird sie bald 100!
„Ich weiß“, sage ich, habe es schon vor Monaten ausgerechnet. Ein Jahrhundert! Seit vielleicht 15 Jahren wächst die Pflebedürftigkeit wie ein Gespenst, die Laken des Todes sind immer schwerer aufzuhalten, mit Flügelfedern haben sie sich mit ihr auf einen D-Zug geschwungen, der irgendwohin in die Nacht rast – oder in fremdes Licht.
„Sie war eine angesehene Frau der Stadt“, Frau T. Stimme wird heller, höher, bedeutungsschwanger. Ich merke, dass sie an eine Würdigung, an ein Zeitungsportrait denkt, ob zum 100.Geburtstag oder wenn es endlich soweit ist. „Ich habe viel aufgeräumt, weggeworfen“, sagt sie. „Aber alles, was ich von Frau I. besitze, hebe ich auf.“
Sie blieb ihr immer verbunden, wenn sie auch seit Jahren nicht hin ging.
Früher, erzählt sie, habe sie noch angerufen, sich erkundigt, wie es ihr geht. Dann aber habe sie nicht mehr hören wollen, wie es mit dem Augenlicht von Frau I. so zügig bergab ging; schließlich sah sie ihre eigene Zukunft in dunklen Schatten sich spiegeln.
Makula bleibt Makula. Das wird nicht mehr besser.

„Ich werde wieder hingehen“, sage ich, erkläre, dass ich telefonieren muss, bis die Nachbarin ihr Rad,
die Einkaufstaschen abgestellt, die Besuche getätigt hat und beim Telefonläuten abnehmen kann.
Es dauert etwa eine Woche. Sie ist erst den Tag zuvor aus einem Frühlingsurlaub in Tirol zurück gekommen. „Es ist alles wie immer“, sagt sie, „der Schlüssel unter den lila Hortensien. Sie trinkt, isst ihren Brei, sogar große Portionen, aber schläft jetzt meistens…“

Als ich die Tür öffne, liegt die alte Dame durchsichtig und zusammengesunken in ihren blumengemusterten Kissen. Blumen, die sie so geliebt hat, füllen den ganzen Wäscheschrank aus. Der Körper ist mager geworden, aber sie erkennt mich sofort.
Am Fußende bestaunen mich ein Krankenpfleger und die Krankengymnastin.
„Niemand kommt mehr hierher“´, sagen sie erleichtert. „Endlich…“.
Da weiß ich, von nun an werde ich jede Woche kommen – wenn ich nicht gerade verreist bin – und bis zum Schluss.

Nächste Woche werde ich meinen Gartenflieder abschneiden, den violetten und ihr ihren Lieblingsduft in die Wohnung stellen. Damals hat sie mit mir noch geschimpft, weil ich nicht schnell genug die schmalhohe Stilvase fand

Angelika Zöllner

lange schwere krankheit poesie

24 Juni, 2015 (05:12) | | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

nach langer schwerer krankheit jüngst verstorben,
wird’s auch von mir, dem dichter, einstmals heißen.
nur niemand weiß dann, wessen ich verdorben,
zur lebezeit war anverwandt dem scheißen

auf alles, was nicht niet- und wörterfest,
in das elysium schon eingezogen
als das, was du mit mir erörtertest,
worin ich dich mit jedem vers betrogen.

und sei gewiss, wie doch gesund ich bin,
von mir ist manches weiter noch zu lesen,
denn noch tropft mir das wort vom bärt’gen kinn.

ich sei, so träumt’s mir nachts, ein unverwesen,
der wiedergänger meines reims gewinn
und darin wie die gleichen ungeschehen.

ögyr liest’s

Idee: Enno E. Peter & Sabrina Ortmann

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